Grün­dern feh­len Kenntnisse“

Dr. Teita Bijedić. Bild: © IfM Bonn

Laut der neuen Studie „Gründungserfolg von Wissenschaftlern an deutschen Hochschulen“ des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und der Uni Siegen gründen Wissenschaftler am liebsten im Team. Dennoch gibt es bei den meisten Gründungen immer noch Probleme: Es fehlen finanzielle Mittel und Marktkenntnisse und auch der finale Schritt zur Kommerzialisierung ist schwierig. Die Gründe dahinter erklärt Mitforscherin Dr. Teita Bijedić.

Woran liegt es, dass viele Gründer und Wissenschaftler so lange brauchen, um ihre Gründungsidee letztendlich wirklich umzusetzen?
DR. TEITA BIJEDIĆ: Bei unserer Befragung nannten die Wissenschaftler an den Hochschulen vor allem drei Gründe, warum sie eine Gründungsidee aufschieben: fehlende finanzielle Mittel, mangelnde Marktkenntnisse und fehlendes kaufmännisches Wissen sowie Zeit, um das Vorhaben voranzutreiben. Allerdings handelt es sich dabei häufig auch um wissensintensive und technologieorientierte Gründungen, die mehr Zeit benötigen, um das komplexe Vorhaben umzusetzen und um ausreichend Kapital hierfür zu akquirieren. Das ist auch der entscheidende Unterschied zwischen Aufschiebern und Abbrechern: Letztere geben vor allem aufgrund eines fehlenden Geschäftskonzepts auf. Bei den weiblichen Wissenschaftlern kommt zudem die Sorge hinzu zu scheitern.

Diejenigen Wissenschaftler, die letztlich ein Unternehmen gegründet haben, starteten daher zunächst oftmals im Nebenerwerb. Zudem waren Wissenschaftler eher bereit, ihre Gründungsidee umzusetzen, wenn sie bereits eine Erfindung hervorgebracht hatten.

Gibt es Dinge, die bei gewissen Gründungen fehlen? Oder gar Unterstützung, die einfach fehlt?
Es gibt bereits eine ganze Reihe an Fördermaßnahmen: Ein Beispiel hierfür ist das Programm „Validierung des technologischen und gesellschaftlichen Innovationspotenzials wissenschaftlicher Forschung“ – kurz VIP+, mit dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Wissenschaftler aller Disziplinen fördert.

Auch existiert inzwischen so gut wie an jeder Hochschule eine gründungsfördernde Infrastruktur sowie Unterstützung für den Wissenstransfer. Allerdings nutzt nur eine Minderheit der Wissenschaftler die Angebote an der eigenen Hochschule. Dabei fehlen nach eigenem Bekunden gründungswilligen Wissenschaftlern häufig insbesondere betriebswirtschaftliche und rechtliche Kenntnisse, die in der Regel zum Beratungsangebot der Gründerbüros gehören.

Gleichwohl gibt es einige spezifische Aspekte, die in den Förderprogrammen noch mehr Beachtung finden könnten, wie unsere aktuelle Studie zeigt: So könnten die Fördergeber beispielsweise noch stärker berücksichtigen, dass die Entwicklung von Forschungsergebnissen zur Marktreife mitunter sehr zeitaufwändig sein kann. Auch empfiehlt es sich, die bestehenden Förderprogramme dahingehend zu überprüfen, ob auch größere und heterogenere Gründerteams, die nicht nur aus Hochschulangehörigen bestehen, förderungswürdig sein könnten. Unsere Befragung hat gezeigt, dass Wissenschaftler nicht nur in zunehmendem Maße mit anderen gemeinsam in die Selbstständigkeit starten möchten, sondern dass diese Teamgründungen aufgrund der eingebrachten verschiedenen Fähigkeiten und Netzwerke auch erfolgreicher als Einzelgründungen sind. Schließlich holen sich viele Gründerteams gerne auch Personen in die eigenen Reihen, die außerhalb der Hochschule Gründerwissen und Marktkontakte erworben haben.

Wie könnte eine Umstrukturierung im Prozess der Gründung und dessen Unterstützung aussehen?
Es würde sicherlich für viele Wissenschaftler gründungsfördernd wirken, wenn ihr Erfolg nicht nur an der Anzahl ihrer Veröffentlichungen und an ihrer Lehrleistung gemessen würde, sondern auch am Erfolg des Wissenstransfers. Unterstützend würde es aber auch wirken, wenn gründungsinteressierte Wissenschaftler die Möglichkeit hätten, zeitweise ihre Verpflichtungen in Forschung und Lehre zu reduzieren.

Wieso fehlt der finale Schritt der Kommerzialisierung?
Der finale Schritt der Kommerzialisierung fehlt umso mehr, je weniger die Wissenschaftler angewandte bzw. multidisziplinäre Forschung betreiben und je weniger sie Praxiserfahrungen beispielsweise aufgrund früherer Berufserfahrung oder aktueller Nebentätigkeiten besitzen. Wenn bei der Einstellung und Berufung von Wissenschaftlern auch auf vorhandene Kontakte zu außeruniversitären Einrichtungen und Erfahrungen mit Wirtschaftspartnern geachtet würde, könnte dies aus unserer Sicht zu einem besseren Innovationstransfer beitragen.

Interview: Anne Steinbach

Der Beitrag „Gründern fehlen Kenntnisse“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.

Fir­men legen Wert auf mehr Schutz durch Vorbeugung“

Marie Luise Graf-Schlicker, Ministerialdirektorin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz rät Unternehmern in Krisen frühzeitig zu Gegenmaßnahmen.

Marie-Luise Graf-Schlicker
Marie-Luise Graf-Schlicker

Frau Graf-Schlicker, interne Ermittlungen seien in der Unternehmensführung üblich geworden, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas jüngst beim Symposium „Internal Investigations“. Ist die Zunahme ein Indiz für mehr Straftaten oder für mehr Sensibilität?

Marie Luise Graf-Schlicker: Ich glaube, die Zunahme spricht für erhöhte Sensibilität bei den Unternehmen, aber auch in der Gesellschaft. Internal Investigations spielten zunächst vor allem in international tätigen, börsennotierten Firmen eine Rolle, die in den USA geschäftlich tätig waren und dieses Instrument genutzt haben, um drohende Bußgelder der Börsenaufsicht zu reduzieren. Rein rechtlich sind solche internen Ermittlungen in Unternehmen jedoch in Deutschland ein noch weitgehend unbeackertes Feld. Das Symposium diente dazu, mit Experten rechtliche Fragen zu sondieren und erste Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren. Zum Beispiel ging es um Fragen der unterschiedlichen Rechte und Pflichten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Arbeits- und Strafprozessrecht.

 

Welche Verfehlungen sind die häufigsten?

Dazu fehlen mir gesicherte Erkenntnisse. In den USA ging es häufig um Straftaten im Bereich des Wertpapierhandels; in Deutschland sind Internal Investigations vor allem durch Verfahren mit Korruptionsstraftaten bekannt geworden.

 

Wie weit ist unser Mittelstand schon bei der internen Aufklärung von Regelverstößen?

Die Frage nach aktuellen Fallzahlen und geeigneten Gegenmitteln vermag ich derzeit nicht zu beantworten, aber was ich sagen kann: Auch mittelständische Firmen legen mittlerweile großen Wert auf mehr Schutz durch Vorbeugung mit dem zur Verfügung stehenden Compliance-Instrumentarium.

 

Sind hierzulande denn die meist extern beauftragten Anwalts- und Wirtschaftsprüferkanzleien ausreichend qualifiziert für diese Aufgaben?

In Deutschland fehlen uns dazu noch belastbare Erkenntnisse, denn bisher haben selbst deutsche Firmen hier meines Wissens überwiegend mit spezialisierten US-Wirtschaftsanwaltskanzleien zusammengearbeitet.

 

Die Unklarheiten in unserer Gesetzgebung, etwa inwieweit die Ergebnisse in Verfahren verwendet werden können, sollen schnell beseitigt werden?

Wie gesagt war das Symposium ein erster Aufschlag. Der von Ihnen angesprochene Punkt ist einer von vielen ungeregelten Aspekten. Wenn Straftaten in Unternehmen geklärt werden sollen, muss man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zeugen befragen, aber auch Dokumente und Daten durchsehen, gegebenenfalls sogar beschlagnahmen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind gegenüber ihrem Arbeitgeber verpflichtet, Auskunft zu geben und auch sonst zur Aufklärung beizutragen. Was aber, wenn sie sich mit solchen Aussagen selbst belasten und sich dadurch einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzen? Dürfen Sie dann schweigen? Mit diesen und anderen rechtlichen Fragestellungen zu Internal Investigations werden wir uns vertieft befassen.

 

Die Regelung des § 104 InsO wurde mit dem Dritten Gesetz zur Änderung der Insolvenzordnung im Dezember 2016 geändert, um die Grundlagen für die Abwicklung von Finanzmarktkontrakten in Insolvenzen klarzustellen. Welche Vorteile hat die Neufassung für die Wirtschaft?

Zur Erinnerung: Der Bundesgerichtshof hatte am 9. Juni 2016 etwas überraschend entschieden, dass die gängige Handhabung der Abwicklung von Finanzmarktkontrakten

in der Insolvenz nicht mit Paragraph 104 der Insolvenzordnung im Einklang steht. In den Finanzmärkten hat diese Entscheidung für große Aufregung gesorgt, weil unklar war, wie sie sich auf das Besicherungssystem der Banken auswirkt. Experten befürchteten, dass auf Basis dieser Entscheidung das Kapital vieler Geldhäuser erhöht werden müsste, um den bankaufsichtsrechtlichen Anforderungen genügen zu können.

 

Der Gesetzgeber musste also umgehend reagieren?

Genau, wir mussten sehr schnell tätig werden und einen Regelungsvorschlag zur Änderung des § 104 InsO unterbreiten, um die Rechtsunsicherheiten in der Finanzmarkt und

Aufsichtspraxis zu beseitigen. Mit dem im Dezember 2016 verabschiedeten Gesetz wird die Reichweite der Zulässigkeit und Insolvenzfestigkeit des sogenannten vertraglichen Liquidationsnetting präzisiert und klargestellt. Ich möchte noch einmal betonen, dass dieser Regelungsinhalt bereits bei der Schaffung des § 104 InsO vom Gesetzgeber intendiert war.

 

Rund fünf Jahre nach Einführung: Hat sich das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ (ESUG) für Sie schon bewährt?

Ja, das ESUG war ein ganz wichtiger Schritt, um frühzeitige Sanierungen in den Vordergrund zu rücken. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Eigenverwaltung. Es mag sein, dass sie mitunter in Fällen angeordnet wird, die sich nicht dafür eignen. Aber das spricht nicht grundsätzlich gegen dieses wichtige Element, um Sanierungen frühzeitig zu ermöglichen. Im Einzelnen wird uns die Evaluierung des ESUG Aufschluss über die Handhabung dieser Norm geben. Deutlich betonen möchte ich aber schon jetzt, dass bei fehlender Sanierungsfähigkeit eine Liquidation konsequent ist, denn eine Marktbereinigung muss auch möglich sein. Die abschließenden Ergebnisse liegen noch nicht vor, sie werden für das späte Frühjahr 2018 erwartet.

 

Sie können aber schon die vielfache Klage nachvollziehen, dass Kandidaten den Schutz der Eigenverwaltung in Anspruch nehmen, obwohl sie nicht zu der vom Gesetzgeber ins Auge gefassten Zielgruppe der „vorausschauend planenden Unternehmen“ gehören, die ein solches Verfahren im Konsens mit den Gläubigern anstreben, sondern eher eigennützige Ziele verfolgen?

Genau solche Fragen wollen wir durch die Evaluierung beantworten können. Erste Statements hierzu, um die wir Insolvenzexperten seit dem Inkrafttreten des Gesetzes immer wieder gebeten haben, lassen schon den Schluss zu, dass manche Unternehmen mit der Eigenverwaltung überfordert sind und eine Sanierung des Unternehmens durch dieses Instrument nicht befördert wird. Die Evaluierung wird sicherlich auch zeigen, wie die Gerichte die Regelungen über die Eigenverwaltung handhaben und ob die Norm ggfs. restriktiver angewandt werden sollte.

 

Hat die Haltung dahinter womöglich gar nichts mit dem ESUG zu tun?

Die Eigenverwaltung ist keine Erfindung des ESUG, sondern schon seit 1999 in der Insolvenzordnung verankert, aber kaum genutzt worden. Historisch betrachtet hat insbesondere das Insolvenzverfahren Babcock Borsig aus dem Jahr 2002 den Anfang für ein Umdenken mit diesem Instrument gemacht. Der Eröffnungsbeschluss des Insolvenzgerichts hat zu großer Beachtung und erheblichen Diskussionen geführt, weil das Gericht die Eigenverwaltung zwar angeordnet, aber gleichzeitig ausgeführt hat, dass diese Anordnung nur erfolge, weil sie durch das Verhalten des Ministerpräsidenten in den ersten Tagen nach der Stellung des Eröffnungsantrags und durch das hieran anknüpfende Auftreten des Vorstands der Schuldnerin gegenüber den Arbeitnehmern und den bisherigen und künftigen Geschäftspartnern unausweichlich gewesen sei.

Immerhin aber ist damals ein Insolvenzverwalter Vorstandschef des insolventen Unternehmens geworden, so dass hoher Insolvenzsachverstand im Unternehmen war. Mitunter scheint aber der „Bock“ tatsächlich „zum Gärtner“ gemacht zu werden, insbesondere dann, wenn derjenige als Sanierer agiert, der mit diesen Instrumenten überfordert ist. Ein Insolvenzverwalter, der den Weg aus der Misere weist, meistert die Aufgabe in einem solchem Fall sicherlich besser.

 

Wären Vorgaben zur Eigenverwaltung aus der Sicht Ihres Ministeriums wichtig, um Missbrauch zu vermeiden?

Das Gesetz macht Vorgaben für die Anordnung der Eigenverwaltung, ob diese Vorgaben sich bewährt haben oder eine Nachjustierung stattfinden sollte, wird die Evaluierung zeigen. Erst dann haben wir eine fundierte Basis für Bewertungen und für Veränderungen. Meine grundsätzliche Erfahrung ist, dass ein Gesetz in der Praxis einen gewissen Zeitraum benötigt, um sich zu entfalten. Deshalb hat der Gesetzgeber des ESUG auch einen Fünfjahreszeitraum vorgesehen, bevor mit der Evaluierung begonnen werden sollte.

 

Man könnte Insolvenzverfahren von Unternehmen besser beim Wirtschaftsministerium angesiedelt sehen. Warum ist die Zuständigkeit der Justiz so zwingend?

Gerichte werden nicht zum Selbstzweck eingebunden, sondern immer dann, wenn Rechte Dritter eingeschränkt werden. Ich kenne selbstverständlich auch den kritischen Hinweis, dass Unternehmer ihre Insolvenz bei Gericht anzumelden haben und dies vielleicht per se abschreckend wirkt, eine Anmeldung bei der dann der oft ins Feld geführten IHK dies vermeiden könne. Wie bereits gesagt, führt ein Insolvenzverfahren zu Eingriffen in die Eigentumsrechte des Unternehmers und der Gläubiger. Über die Berechtigung solcher Eingriffe darf nach unserer Rechtsordnung nur ein unabhängiges Gericht entscheiden.

 

Gleichwohl geht der schwere Gang zum Gericht für Unternehmer damit einher?

Nicht, wenn der betroffene Unternehmer frühzeitig außergerichtlich Gegenmaßnahmen ergreift. Die meisten Mittelständler haben diese Möglichkeiten schon verinnerlicht. Viele Kleinstunternehmer meinen hingegen noch immer, sie müssten bis zuletzt alleine kämpfen und verpassen so den richtigen Zeitpunkt zur Sanierung. Ist der Zeitpunkt für außergerichtliche Sanierungen verpasst und der Schuldner zahlungsunfähig oder überschuldet, so haben unabhängige Gerichte zu prüfen, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet werden muss. Die Unabhängigkeit der Gerichte ist ein hohes Gut in unserer demokratischen Gesellschaft. Aus meiner 13-jährigen Erfahrung als Richterin, aber auch als Landgerichtspräsidentin kann ich nur bestätigen, dass diese Unabhängigkeit in der gerichtlichen Praxis uneingeschränkt gewährleistet ist.

 

Sind weitere Anpassungen im Richterrecht notwendig?

Unser Richterrecht ist im Großen und Ganzen hinreichend ausgestaltet.

 

Das neue Konzerninsolvenzrecht verlangt nach Kompetenzen sprachlicher wie wirtschaftlicher Art. Diese Fähigkeiten sind bei Verwaltern normal, in der Justiz eher Ausnahme. Müssen Insolvenzrichter wie Rechtspfleger besoldungsrechtlich einen besonderen Anreiz erfahren?

Mit dem ESUG wurde eine Regelung in das Gerichtsverfassungsgesetz aufgenommen, die vorsieht, dass Insolvenzrichter über spezielle Kenntnisse zur Bearbeitung eines Insolvenzverfahrens verfügen müssen. Eine entsprechende Regelung findet sich auch für die Rechtspfleger. Damit ist ein wichtiger Schritt zur Qualitätssteigerung der Insolvenzgerichte gemacht. Was die fremdsprachliche Qualifikation angeht, so sind die Gerichte m. E. auch hier auf einem guten Weg. Gerade junge Richter haben heute vielfach Auslandsaufenthalte hinter sich und verfügen über erhebliche Fremdsprachenkenntnisse, die sie in der gerichtlichen Praxis aber eher selten anwenden können. Initiativen für internationale Handelskammern, wie in Köln und Düsseldorf, die in Englisch verhandeln, sind vorbildlich; leider fehlen aber zurzeit noch genügend Parteien, die davon Gebrauch machen. „Die Gerichtssprache ist deutsch“, wie in Paragraph 184 unseres Gerichtsverfassungsgesetzes unmissverständlich formuliert, spiegelt wohl nicht mehr hinreichend den internationalen Anspruch unserer Wirtschaft wider.

 

Könnte die Komplexität von Insolvenzverfahren dazu führen, dass Tätigkeiten in Konzerninsolvenzgerichten, künftigen Sanierungs- oder Restrukturierungsgerichten als Beförderungsstellen ausgewiesen werden?

Besoldungsregelungen für auf Landesebene Tätige sind vor einigen Jahren den Ländern überlassen worden. Dadurch haben wir leider einen bunten Flickenteppich zur Richterbesoldung. Bundeseinheitliche Regelungen zur Richterbesoldung hätten sicherlich Vorteile. Aber dieses Rad zurückzudrehen, ist äußerst schwierig. Ob Geldanreize wirklich Kompetenz fördern, halte ich zumindest für fraglich. Kompetenz kann durch den Erwerb besonderer Fachkenntnisse und durch eine Vielzahl von Fallbearbeitungen erworben werden. Deshalb wären Konzentrationen bei den Insolvenzgerichten, wie wir sie aus einigen Ländern kennen, besonders wichtig. Zumindest aber bei grenzüberschreitenden Konzerninsolvenzen sollten starke Konzentrationen auf der Landesebene erfolgen, die gesetzlichen Voraussetzungen dazu wurden im Konzerninsolvenzrecht getroffen.

 

Mit dem „Rosenburg-Projekt“ haben Wissenschaftler das Bundesjustizministerium „im Schatten der NS-Vergangenheit“ untersucht. Inwieweit ist damit ein dunkles Kapitel aufgearbeitet?

Das rund 600 Seiten starke Buch „Die Akte Rosenburg“ der Wissenschaftler Görtemaker und Safferling beleuchtet die Zeit im Bundesministerium der Justiz von der Gründung der Bundesrepublik bis etwa zum Beginn der 1970er Jahre. Die Rosenburg in Bonn war der erste Sitz des Bundesjustizministeriums. Der erste Minister und der Staatssekretär waren selbst Verfolgte unter dem Naziregime. Aber die Forschungsergebnisse belegen, dass im Justizministerium der jungen Bundesrepublik viele Juristen tätig waren, die schon während der Nazi-Diktatur dort gearbeitet hatten und in das Unrecht jener Zeit verstrickt waren. Mehr als die Hälfte aller Führungskräfte waren ehemalige NSDAP-Mitarbeiter, jeder fünfte war Mitglied der SA. Viele Gesetze wurden nur oberflächlich entnazifiziert und die Diskriminierung einstiger Opfer wie Homosexuelle oder Sinti und Roma fortgesetzt, NS-Verbrecher dagegen kaum verfolgt.

 

Warum hat das Ministerium ausgerechnet auf diese Leute gesetzt? Und was lernen wir aus der Geschichte?

Das Ministerium ist mit 35 Beamten im höheren Dienst gestartet, die als Abteilungs- oder Referatsleiter tätig waren. Der Kreis wurde hauptsächlich nach exzellenten Noten und Promotionen ausgewählt sowie nach ministeriellen Erfahrungen. Fraglich ist also, ob es in dieser geringen Anzahl nicht auch unbelastete Personen gegeben hätte, die diese Aufgaben hätten übernehmen können. Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema und erachte es als wichtig, dass wir diese Erkenntnisse aus der Aufarbeitung der NS-Zeit ganz besonders bei den Juristen wachhalten. Deshalb sollte das Justizunrecht aus der Zeit des Nationalsozialismus zum Pflichtstoff für die juristische Ausbildung gemacht und das Deutsche Richtergesetz entsprechend angepasst werden. Die Rechtsstaatlichkeit in unserem Lande und unsere unabhängige Justiz sollten wir heute verstärkt zu wertschätzen wissen, wenn wir etwa auf die Verhältnisse in der Türkei schauen, wo innerhalb kurzer Zeit enorm viele demokratische Rechte abgebaut wurden.

 

Klingt, als fehlte Ihnen diese Wertschätzung?

Zumindest steht dieser Gesichtspunkt m. E. zu wenig im Fokus. Eine unabhängige Justiz ist ein sehr wichtiger Faktor für die Stabilität der Gesellschaft in einem demokratischen Rechtsstaat. Wie extrem wichtig eine unabhängige Justiz für unsere Gesellschaft ist, machen sich viele Menschen, so glaube ich, nicht bewusst. Sie gewährt Rechtssicherheit in allen Bereichen des täglichen Lebens, ist darüber hinaus auch ein entscheidender Standortfaktor für Investitionen der Wirtschaft.

 

Wie empfinden Sie umgekehrt, dass deutscher Stammtisch nicht selten strengere Gesetze fordert?

Wenn irgendetwas passiert, wird oft sofort nach gesetzlichen Änderungen gerufen. Dabei haben wir gute Gesetze, die auch angewandt werden. Wichtig ist daher zunächst festzustellen, welche rechtlichen Regelungen bereits vorhanden sind, um auftretende Probleme zu lösen. Sachverhalte sind heute oft so komplex, dass es schwierig ist, sie im Detail zu durchdringen. Außerdem treffen in einer Demokratie verschiedene Interessen aufeinander. Diese unterschiedlichen Interessen gilt es in einer Demokratie zu bündeln und durch den Gesetzgeber in für alle verbindliche Regelungen zu gießen. Das ist die große Herausforderung. In einer sich insbesondere durch die zunehmende Digitalisierung schnell wandelnden Gesellschaft muss aber auch immer wieder neu geprüft werden, welche gesetzlichen Regelungen geändert oder neu geschaffen werden müssen.

 

Laufen wir womöglich sogar Gefahr, zu viel über Paragraphen regeln zu wollen?

In Gesellschaften, in denen das Miteinander immer komplizierter wird, brauchen wir in der Regel mehr Gesetze. Ich denke nicht, dass wir zu viele Gesetze haben, sondern dass solche Regelungen für ein vernünftiges Zusammenleben notwendig sind.

 

Was kann die deutsche Justiz von anderen Ländern lernen?

Die Digitalisierung ist in kleineren Ländern, wie z. B. Estland, sicherlich leichter umzusetzen. Dennoch kann diese Land in der Digitalisierung als vorbildlich gelten. Bei Vergleichen sind aber immer auch die Besonderheiten der jeweiligen Länder in den Blick zu nehmen, ein Rechtsvergleich mit anderen Ländern, den wir bei der Konzipierung von Gesetzentwürfen regelmäßig vornehmen, darf sich daher nicht nur auf einzelne Normen beschränken, sondern muss das gesamte rechtliche Umfeld in den Blick nehmen.

 

Andere Länder in Europa haben strafrechtlich gute Erfahrungen im Kampf gegen Insolvenz-Verschleppungen gemacht. Deutschland scheint der massenhaften Insolvenz-Verschleppungen dagegen nicht Herr zu werden.

Ich halte unsere Regelungen zur Insolvenzverschleppung auch strafrechtlich für ausreichend. Wir haben eine strafbewährte Insolvenzantragspflicht. Wer zu spät kommt, macht sich strafbar. Wir möchten Unternehmer aber viel lieber zum Umdenken bringen. Dazu passen Regelungen zu frühzeitigen Sanierungsmöglichkeiten. Abschreckung durch Strafe allein ist nicht zielführend.

 

Sehen Sie dennoch bedenkliche Entwicklungen, weil Firmen jede Lücke ausnutzen?

Sicher muss jeder Verantwortung tragen. So sollte jeder Unternehmer verbindliche Richtlinien für ein Frühwarnsystem installieren, um in Krisensituationen rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen zu können. Die Chancen zu einer nachhaltigen Sanierung sind bei einer frühzeitigen Krisenintervention besser. Das setzt aber eben einen genauen Kenntnisstand über die finanziellen Verhältnisse voraus. 

Die Fragen für dieses „return“-Interview haben Herausgeber Prof. Hans Haarmeyer und Chefredakteur Thorsten Garber im Vorfeld gemeinsam erarbeitet. Das Gespräch im Justizministerium in Berlin führte Thorsten Garber. Weitere Passagen aus dem exklusiven Interview lesen Sie ausführlich in der aktuellen Ausgabe return 03/17 unseres Magazins.

 

Der Beitrag „Firmen legen Wert auf mehr Schutz durch Vorbeugung“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.

Fir­men legen Wert auf mehr Schutz durch Vorbeugung“

Marie Luise Graf-Schlicker, Ministerialdirektorin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz rät Unternehmern in Krisen frühzeitig zu Gegenmaßnahmen.

Marie-Luise Graf-Schlicker
Marie-Luise Graf-Schlicker

Frau Graf-Schlicker, interne Ermittlungen seien in der Unternehmensführung üblich geworden, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas jüngst beim Symposium „Internal Investigations“. Ist die Zunahme ein Indiz für mehr Straftaten oder für mehr Sensibilität?

Marie Luise Graf-Schlicker: Ich glaube, die Zunahme spricht für erhöhte Sensibilität bei den Unternehmen, aber auch in der Gesellschaft. Internal Investigations spielten zunächst vor allem in international tätigen, börsennotierten Firmen eine Rolle, die in den USA geschäftlich tätig waren und dieses Instrument genutzt haben, um drohende Bußgelder der Börsenaufsicht zu reduzieren. Rein rechtlich sind solche internen Ermittlungen in Unternehmen jedoch in Deutschland ein noch weitgehend unbeackertes Feld. Das Symposium diente dazu, mit Experten rechtliche Fragen zu sondieren und erste Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren. Zum Beispiel ging es um Fragen der unterschiedlichen Rechte und Pflichten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Arbeits- und Strafprozessrecht.

 

Welche Verfehlungen sind die häufigsten?

Dazu fehlen mir gesicherte Erkenntnisse. In den USA ging es häufig um Straftaten im Bereich des Wertpapierhandels; in Deutschland sind Internal Investigations vor allem durch Verfahren mit Korruptionsstraftaten bekannt geworden.

 

Wie weit ist unser Mittelstand schon bei der internen Aufklärung von Regelverstößen?

Die Frage nach aktuellen Fallzahlen und geeigneten Gegenmitteln vermag ich derzeit nicht zu beantworten, aber was ich sagen kann: Auch mittelständische Firmen legen mittlerweile großen Wert auf mehr Schutz durch Vorbeugung mit dem zur Verfügung stehenden Compliance-Instrumentarium.

 

Sind hierzulande denn die meist extern beauftragten Anwalts- und Wirtschaftsprüferkanzleien ausreichend qualifiziert für diese Aufgaben?

In Deutschland fehlen uns dazu noch belastbare Erkenntnisse, denn bisher haben selbst deutsche Firmen hier meines Wissens überwiegend mit spezialisierten US-Wirtschaftsanwaltskanzleien zusammengearbeitet.

 

Die Unklarheiten in unserer Gesetzgebung, etwa inwieweit die Ergebnisse in Verfahren verwendet werden können, sollen schnell beseitigt werden?

Wie gesagt war das Symposium ein erster Aufschlag. Der von Ihnen angesprochene Punkt ist einer von vielen ungeregelten Aspekten. Wenn Straftaten in Unternehmen geklärt werden sollen, muss man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Zeugen befragen, aber auch Dokumente und Daten durchsehen, gegebenenfalls sogar beschlagnahmen. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind gegenüber ihrem Arbeitgeber verpflichtet, Auskunft zu geben und auch sonst zur Aufklärung beizutragen. Was aber, wenn sie sich mit solchen Aussagen selbst belasten und sich dadurch einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzen? Dürfen Sie dann schweigen? Mit diesen und anderen rechtlichen Fragestellungen zu Internal Investigations werden wir uns vertieft befassen.

 

Die Regelung des § 104 InsO wurde mit dem Dritten Gesetz zur Änderung der Insolvenzordnung im Dezember 2016 geändert, um die Grundlagen für die Abwicklung von Finanzmarktkontrakten in Insolvenzen klarzustellen. Welche Vorteile hat die Neufassung für die Wirtschaft?

Zur Erinnerung: Der Bundesgerichtshof hatte am 9. Juni 2016 etwas überraschend entschieden, dass die gängige Handhabung der Abwicklung von Finanzmarktkontrakten

in der Insolvenz nicht mit Paragraph 104 der Insolvenzordnung im Einklang steht. In den Finanzmärkten hat diese Entscheidung für große Aufregung gesorgt, weil unklar war, wie sie sich auf das Besicherungssystem der Banken auswirkt. Experten befürchteten, dass auf Basis dieser Entscheidung das Kapital vieler Geldhäuser erhöht werden müsste, um den bankaufsichtsrechtlichen Anforderungen genügen zu können.

 

Der Gesetzgeber musste also umgehend reagieren?

Genau, wir mussten sehr schnell tätig werden und einen Regelungsvorschlag zur Änderung des § 104 InsO unterbreiten, um die Rechtsunsicherheiten in der Finanzmarkt und

Aufsichtspraxis zu beseitigen. Mit dem im Dezember 2016 verabschiedeten Gesetz wird die Reichweite der Zulässigkeit und Insolvenzfestigkeit des sogenannten vertraglichen Liquidationsnetting präzisiert und klargestellt. Ich möchte noch einmal betonen, dass dieser Regelungsinhalt bereits bei der Schaffung des § 104 InsO vom Gesetzgeber intendiert war.

 

Rund fünf Jahre nach Einführung: Hat sich das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ (ESUG) für Sie schon bewährt?

Ja, das ESUG war ein ganz wichtiger Schritt, um frühzeitige Sanierungen in den Vordergrund zu rücken. Dazu gehört auch die Möglichkeit der Eigenverwaltung. Es mag sein, dass sie mitunter in Fällen angeordnet wird, die sich nicht dafür eignen. Aber das spricht nicht grundsätzlich gegen dieses wichtige Element, um Sanierungen frühzeitig zu ermöglichen. Im Einzelnen wird uns die Evaluierung des ESUG Aufschluss über die Handhabung dieser Norm geben. Deutlich betonen möchte ich aber schon jetzt, dass bei fehlender Sanierungsfähigkeit eine Liquidation konsequent ist, denn eine Marktbereinigung muss auch möglich sein. Die abschließenden Ergebnisse liegen noch nicht vor, sie werden für das späte Frühjahr 2018 erwartet.

 

Sie können aber schon die vielfache Klage nachvollziehen, dass Kandidaten den Schutz der Eigenverwaltung in Anspruch nehmen, obwohl sie nicht zu der vom Gesetzgeber ins Auge gefassten Zielgruppe der „vorausschauend planenden Unternehmen“ gehören, die ein solches Verfahren im Konsens mit den Gläubigern anstreben, sondern eher eigennützige Ziele verfolgen?

Genau solche Fragen wollen wir durch die Evaluierung beantworten können. Erste Statements hierzu, um die wir Insolvenzexperten seit dem Inkrafttreten des Gesetzes immer wieder gebeten haben, lassen schon den Schluss zu, dass manche Unternehmen mit der Eigenverwaltung überfordert sind und eine Sanierung des Unternehmens durch dieses Instrument nicht befördert wird. Die Evaluierung wird sicherlich auch zeigen, wie die Gerichte die Regelungen über die Eigenverwaltung handhaben und ob die Norm ggfs. restriktiver angewandt werden sollte.

 

Hat die Haltung dahinter womöglich gar nichts mit dem ESUG zu tun?

Die Eigenverwaltung ist keine Erfindung des ESUG, sondern schon seit 1999 in der Insolvenzordnung verankert, aber kaum genutzt worden. Historisch betrachtet hat insbesondere das Insolvenzverfahren Babcock Borsig aus dem Jahr 2002 den Anfang für ein Umdenken mit diesem Instrument gemacht. Der Eröffnungsbeschluss des Insolvenzgerichts hat zu großer Beachtung und erheblichen Diskussionen geführt, weil das Gericht die Eigenverwaltung zwar angeordnet, aber gleichzeitig ausgeführt hat, dass diese Anordnung nur erfolge, weil sie durch das Verhalten des Ministerpräsidenten in den ersten Tagen nach der Stellung des Eröffnungsantrags und durch das hieran anknüpfende Auftreten des Vorstands der Schuldnerin gegenüber den Arbeitnehmern und den bisherigen und künftigen Geschäftspartnern unausweichlich gewesen sei.

Immerhin aber ist damals ein Insolvenzverwalter Vorstandschef des insolventen Unternehmens geworden, so dass hoher Insolvenzsachverstand im Unternehmen war. Mitunter scheint aber der „Bock“ tatsächlich „zum Gärtner“ gemacht zu werden, insbesondere dann, wenn derjenige als Sanierer agiert, der mit diesen Instrumenten überfordert ist. Ein Insolvenzverwalter, der den Weg aus der Misere weist, meistert die Aufgabe in einem solchem Fall sicherlich besser.

 

Wären Vorgaben zur Eigenverwaltung aus der Sicht Ihres Ministeriums wichtig, um Missbrauch zu vermeiden?

Das Gesetz macht Vorgaben für die Anordnung der Eigenverwaltung, ob diese Vorgaben sich bewährt haben oder eine Nachjustierung stattfinden sollte, wird die Evaluierung zeigen. Erst dann haben wir eine fundierte Basis für Bewertungen und für Veränderungen. Meine grundsätzliche Erfahrung ist, dass ein Gesetz in der Praxis einen gewissen Zeitraum benötigt, um sich zu entfalten. Deshalb hat der Gesetzgeber des ESUG auch einen Fünfjahreszeitraum vorgesehen, bevor mit der Evaluierung begonnen werden sollte.

 

Man könnte Insolvenzverfahren von Unternehmen besser beim Wirtschaftsministerium angesiedelt sehen. Warum ist die Zuständigkeit der Justiz so zwingend?

Gerichte werden nicht zum Selbstzweck eingebunden, sondern immer dann, wenn Rechte Dritter eingeschränkt werden. Ich kenne selbstverständlich auch den kritischen Hinweis, dass Unternehmer ihre Insolvenz bei Gericht anzumelden haben und dies vielleicht per se abschreckend wirkt, eine Anmeldung bei der dann der oft ins Feld geführten IHK dies vermeiden könne. Wie bereits gesagt, führt ein Insolvenzverfahren zu Eingriffen in die Eigentumsrechte des Unternehmers und der Gläubiger. Über die Berechtigung solcher Eingriffe darf nach unserer Rechtsordnung nur ein unabhängiges Gericht entscheiden.

 

Gleichwohl geht der schwere Gang zum Gericht für Unternehmer damit einher?

Nicht, wenn der betroffene Unternehmer frühzeitig außergerichtlich Gegenmaßnahmen ergreift. Die meisten Mittelständler haben diese Möglichkeiten schon verinnerlicht. Viele Kleinstunternehmer meinen hingegen noch immer, sie müssten bis zuletzt alleine kämpfen und verpassen so den richtigen Zeitpunkt zur Sanierung. Ist der Zeitpunkt für außergerichtliche Sanierungen verpasst und der Schuldner zahlungsunfähig oder überschuldet, so haben unabhängige Gerichte zu prüfen, ob ein Insolvenzverfahren eröffnet werden muss. Die Unabhängigkeit der Gerichte ist ein hohes Gut in unserer demokratischen Gesellschaft. Aus meiner 13-jährigen Erfahrung als Richterin, aber auch als Landgerichtspräsidentin kann ich nur bestätigen, dass diese Unabhängigkeit in der gerichtlichen Praxis uneingeschränkt gewährleistet ist.

 

Sind weitere Anpassungen im Richterrecht notwendig?

Unser Richterrecht ist im Großen und Ganzen hinreichend ausgestaltet.

 

Das neue Konzerninsolvenzrecht verlangt nach Kompetenzen sprachlicher wie wirtschaftlicher Art. Diese Fähigkeiten sind bei Verwaltern normal, in der Justiz eher Ausnahme. Müssen Insolvenzrichter wie Rechtspfleger besoldungsrechtlich einen besonderen Anreiz erfahren?

Mit dem ESUG wurde eine Regelung in das Gerichtsverfassungsgesetz aufgenommen, die vorsieht, dass Insolvenzrichter über spezielle Kenntnisse zur Bearbeitung eines Insolvenzverfahrens verfügen müssen. Eine entsprechende Regelung findet sich auch für die Rechtspfleger. Damit ist ein wichtiger Schritt zur Qualitätssteigerung der Insolvenzgerichte gemacht. Was die fremdsprachliche Qualifikation angeht, so sind die Gerichte m. E. auch hier auf einem guten Weg. Gerade junge Richter haben heute vielfach Auslandsaufenthalte hinter sich und verfügen über erhebliche Fremdsprachenkenntnisse, die sie in der gerichtlichen Praxis aber eher selten anwenden können. Initiativen für internationale Handelskammern, wie in Köln und Düsseldorf, die in Englisch verhandeln, sind vorbildlich; leider fehlen aber zurzeit noch genügend Parteien, die davon Gebrauch machen. „Die Gerichtssprache ist deutsch“, wie in Paragraph 184 unseres Gerichtsverfassungsgesetzes unmissverständlich formuliert, spiegelt wohl nicht mehr hinreichend den internationalen Anspruch unserer Wirtschaft wider.

 

Könnte die Komplexität von Insolvenzverfahren dazu führen, dass Tätigkeiten in Konzerninsolvenzgerichten, künftigen Sanierungs- oder Restrukturierungsgerichten als Beförderungsstellen ausgewiesen werden?

Besoldungsregelungen für auf Landesebene Tätige sind vor einigen Jahren den Ländern überlassen worden. Dadurch haben wir leider einen bunten Flickenteppich zur Richterbesoldung. Bundeseinheitliche Regelungen zur Richterbesoldung hätten sicherlich Vorteile. Aber dieses Rad zurückzudrehen, ist äußerst schwierig. Ob Geldanreize wirklich Kompetenz fördern, halte ich zumindest für fraglich. Kompetenz kann durch den Erwerb besonderer Fachkenntnisse und durch eine Vielzahl von Fallbearbeitungen erworben werden. Deshalb wären Konzentrationen bei den Insolvenzgerichten, wie wir sie aus einigen Ländern kennen, besonders wichtig. Zumindest aber bei grenzüberschreitenden Konzerninsolvenzen sollten starke Konzentrationen auf der Landesebene erfolgen, die gesetzlichen Voraussetzungen dazu wurden im Konzerninsolvenzrecht getroffen.

 

Mit dem „Rosenburg-Projekt“ haben Wissenschaftler das Bundesjustizministerium „im Schatten der NS-Vergangenheit“ untersucht. Inwieweit ist damit ein dunkles Kapitel aufgearbeitet?

Das rund 600 Seiten starke Buch „Die Akte Rosenburg“ der Wissenschaftler Görtemaker und Safferling beleuchtet die Zeit im Bundesministerium der Justiz von der Gründung der Bundesrepublik bis etwa zum Beginn der 1970er Jahre. Die Rosenburg in Bonn war der erste Sitz des Bundesjustizministeriums. Der erste Minister und der Staatssekretär waren selbst Verfolgte unter dem Naziregime. Aber die Forschungsergebnisse belegen, dass im Justizministerium der jungen Bundesrepublik viele Juristen tätig waren, die schon während der Nazi-Diktatur dort gearbeitet hatten und in das Unrecht jener Zeit verstrickt waren. Mehr als die Hälfte aller Führungskräfte waren ehemalige NSDAP-Mitarbeiter, jeder fünfte war Mitglied der SA. Viele Gesetze wurden nur oberflächlich entnazifiziert und die Diskriminierung einstiger Opfer wie Homosexuelle oder Sinti und Roma fortgesetzt, NS-Verbrecher dagegen kaum verfolgt.

 

Warum hat das Ministerium ausgerechnet auf diese Leute gesetzt? Und was lernen wir aus der Geschichte?

Das Ministerium ist mit 35 Beamten im höheren Dienst gestartet, die als Abteilungs- oder Referatsleiter tätig waren. Der Kreis wurde hauptsächlich nach exzellenten Noten und Promotionen ausgewählt sowie nach ministeriellen Erfahrungen. Fraglich ist also, ob es in dieser geringen Anzahl nicht auch unbelastete Personen gegeben hätte, die diese Aufgaben hätten übernehmen können. Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema und erachte es als wichtig, dass wir diese Erkenntnisse aus der Aufarbeitung der NS-Zeit ganz besonders bei den Juristen wachhalten. Deshalb sollte das Justizunrecht aus der Zeit des Nationalsozialismus zum Pflichtstoff für die juristische Ausbildung gemacht und das Deutsche Richtergesetz entsprechend angepasst werden. Die Rechtsstaatlichkeit in unserem Lande und unsere unabhängige Justiz sollten wir heute verstärkt zu wertschätzen wissen, wenn wir etwa auf die Verhältnisse in der Türkei schauen, wo innerhalb kurzer Zeit enorm viele demokratische Rechte abgebaut wurden.

 

Klingt, als fehlte Ihnen diese Wertschätzung?

Zumindest steht dieser Gesichtspunkt m. E. zu wenig im Fokus. Eine unabhängige Justiz ist ein sehr wichtiger Faktor für die Stabilität der Gesellschaft in einem demokratischen Rechtsstaat. Wie extrem wichtig eine unabhängige Justiz für unsere Gesellschaft ist, machen sich viele Menschen, so glaube ich, nicht bewusst. Sie gewährt Rechtssicherheit in allen Bereichen des täglichen Lebens, ist darüber hinaus auch ein entscheidender Standortfaktor für Investitionen der Wirtschaft.

 

Wie empfinden Sie umgekehrt, dass deutscher Stammtisch nicht selten strengere Gesetze fordert?

Wenn irgendetwas passiert, wird oft sofort nach gesetzlichen Änderungen gerufen. Dabei haben wir gute Gesetze, die auch angewandt werden. Wichtig ist daher zunächst festzustellen, welche rechtlichen Regelungen bereits vorhanden sind, um auftretende Probleme zu lösen. Sachverhalte sind heute oft so komplex, dass es schwierig ist, sie im Detail zu durchdringen. Außerdem treffen in einer Demokratie verschiedene Interessen aufeinander. Diese unterschiedlichen Interessen gilt es in einer Demokratie zu bündeln und durch den Gesetzgeber in für alle verbindliche Regelungen zu gießen. Das ist die große Herausforderung. In einer sich insbesondere durch die zunehmende Digitalisierung schnell wandelnden Gesellschaft muss aber auch immer wieder neu geprüft werden, welche gesetzlichen Regelungen geändert oder neu geschaffen werden müssen.

 

Laufen wir womöglich sogar Gefahr, zu viel über Paragraphen regeln zu wollen?

In Gesellschaften, in denen das Miteinander immer komplizierter wird, brauchen wir in der Regel mehr Gesetze. Ich denke nicht, dass wir zu viele Gesetze haben, sondern dass solche Regelungen für ein vernünftiges Zusammenleben notwendig sind.

 

Was kann die deutsche Justiz von anderen Ländern lernen?

Die Digitalisierung ist in kleineren Ländern, wie z. B. Estland, sicherlich leichter umzusetzen. Dennoch kann diese Land in der Digitalisierung als vorbildlich gelten. Bei Vergleichen sind aber immer auch die Besonderheiten der jeweiligen Länder in den Blick zu nehmen, ein Rechtsvergleich mit anderen Ländern, den wir bei der Konzipierung von Gesetzentwürfen regelmäßig vornehmen, darf sich daher nicht nur auf einzelne Normen beschränken, sondern muss das gesamte rechtliche Umfeld in den Blick nehmen.

 

Andere Länder in Europa haben strafrechtlich gute Erfahrungen im Kampf gegen Insolvenz-Verschleppungen gemacht. Deutschland scheint der massenhaften Insolvenz-Verschleppungen dagegen nicht Herr zu werden.

Ich halte unsere Regelungen zur Insolvenzverschleppung auch strafrechtlich für ausreichend. Wir haben eine strafbewährte Insolvenzantragspflicht. Wer zu spät kommt, macht sich strafbar. Wir möchten Unternehmer aber viel lieber zum Umdenken bringen. Dazu passen Regelungen zu frühzeitigen Sanierungsmöglichkeiten. Abschreckung durch Strafe allein ist nicht zielführend.

 

Sehen Sie dennoch bedenkliche Entwicklungen, weil Firmen jede Lücke ausnutzen?

Sicher muss jeder Verantwortung tragen. So sollte jeder Unternehmer verbindliche Richtlinien für ein Frühwarnsystem installieren, um in Krisensituationen rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen zu können. Die Chancen zu einer nachhaltigen Sanierung sind bei einer frühzeitigen Krisenintervention besser. Das setzt aber eben einen genauen Kenntnisstand über die finanziellen Verhältnisse voraus. 

Die Fragen für dieses „return“-Interview haben Herausgeber Prof. Hans Haarmeyer und Chefredakteur Thorsten Garber im Vorfeld gemeinsam erarbeitet. Das Gespräch im Justizministerium in Berlin führte Thorsten Garber. Weitere Passagen aus dem exklusiven Interview lesen Sie ausführlich in der aktuellen Ausgabe return 03/17 unseres Magazins.

 

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E-Com­mer­ce Trends 2017

E-Commerce Boom dank Multi-Shop-Strategie. Bild: © bounlow-pic/stock.adobe.com

Studie: EHI und Statista erfassen E-Commerce-Markt in Deutschland – Der deutsche E-Commerce-Markt boomt: Laut der Studie „E-Commerce-Markt Deutschland 2017“ erwirtschafteten E-Commerce-Händler 2016 einen Umsatz von 24,4 Milliarden Euro. Im Vergleich zu den Onlineumsätzen im Jahr 2015 (24,4 Milliarden Euro) entspricht dies einer Umsatzsteigerung von gut 12 Prozent.

Dabei sind es gerade die Top 3 unter den Online-Händlern, die die Spitze wieder einmal anführen: Während Amazon.de 2,7 Milliarden Euro erwirtschaftete, schaffte Zalando.de 1,1 Milliarden Euro und Otto.de 2,7 Milliarden Euro. Summiert machen diese Einnahmen allein 44 Prozent des Gesamtumsatzes der Top 100 aus.

Christoph Langenberg, E-Commerce-Experte beim EHI hat für diese Entwicklung eine einfache Erklärung: „Es ist kein Zufall, dass gerade die Top-3-Onlineshops auch als Plattform bzw. Marktplatz agieren, da ihre große Kundenbasis ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Die Beispiele Otto und MediaMarktSaturn zeigen aber, dass auch eine Multi-Shop-Strategie erfolgreich sein kann“.

Top 10 Onlineshops Bild: © EHI
Top 10 Onlineshops Bild: © EHI

Multi-Shop- und Marktplatz-Strategien

Im EHI Ranking wurden zwar Marktplatzumsätze** nicht berücksichtigt, jedoch fällt auf, dass die Top 3 der Liste innerhalb ihrer Onlineshops ebenfalls Marktplätze betreiben. Dies funktioniert, da sie durch ihre Bekanntheit einen großen Kundenstamm aufgebaut haben und demnach für eventuelle Partner und andere Händler attraktiv sind.

Auch Multi-Shop-Strategien erweisen ihren Erfolg: Gerade die Otto Group und MediaMarktSaturn Retail Group profitieren von diesem Konzept, in dem mehrere Shops über eine Plattform betrieben werden können. Otto mit mehr als 10 Shops in den Top 100 erwirtschaftet über 4,8 Mrd. Euro. Mediamarkt.deSaturn.de und Redcoon.de, die alle zum selben Unternehmen gehören, würden zusammengerechnet mit einem Umsatz von 1,03 Mrd. Euro an vierter Stelle rangieren. Mit ihren unterschiedlichen Shops können die Unternehmen verschiedene Zielgruppen erreichen und deren individuelle Shopping-Bedürfnisse bedienen. Zugleich besetzen sie wichtige Nischen in einem dynamischen Markt.

Bewegung bei Lebensmitteln und Medikamenten

Auch Lebensmittelvollsortimenter haben im E-Commerce Fuß gefasst: Als erster unter ihnen, hat Rewe.de es mit Platz 58 und einem Umsatz von 108 Millionen Euro in die Liste der Top 100 geschafft. Auch Hellofresh.de hat eine gute Entwicklung gezeigt und ist von Platz 63 auf Platz 27 vorgerückt. Die Zahlen des 2017 startenden Online-Lebensmittel-Service von Amazon, Amazon Fresh, werden noch erwartet.

Auch der Onlinehandel mit Medikamenten nimmt Fahrt auf. Acht Apotheken befinden sich mittlerweile im Ranking und erzielen zusammen rund 1 Mrd. Euro Umsatz. An deren Spitze rangiert Docmorris.de auf Platz 15 mit 317 Mio. Euro Umsatz.

Das gesamte Ranking der 100 umsatzstärksten Onlineshops in Deutschland wurde der gemeinsamen Studien von EHI und Statista entnommen. Die Studie „E-Commerce-Markt Deutschland 2017“, in der die 1.000 umsatzstärksten Onlineshops untersucht wurden, erscheint am 12. Oktober 2017.

E-Commerce in der Schweiz und in Österreich

Auch in der Schweiz kommen die beiden Plattformen Zalando.ch und Amazon.de dem derzeitigen Branchenprimus digitec.ch im Top-10-Ranking immer näher – der Abstand auf Platz 1 beträgt nicht einmal mehr 100 Mio. Franken.

In Österreich belegen Zalando und Amazon schon unverändert die ersten beiden Plätze. Allerdings sind die Top 10 hier in diesem Jahr noch stärker von Unterhaltungselektronik geprägt: So finden sich neben e-tec.at zum ersten Mal auch Electronic4you.atMediamarkt.at und Cyperport.at unter den zehn umsatzstärksten Shops.

Die kompletten Top-100-Rankings aus Österreich und der Schweiz werden am 4. Oktober veröffentlicht. Die Studie „E-Commerce-Markt Österreich/Schweiz 2017“, in der die jeweils 250 umsatzstärksten Onlineshops untersucht wurden, erscheint am 29. November 2017.

*Anmerkungen und Methodik

Die Angaben der Studie beruhen auf einer Händler-Befragung (EHI) und Statista-Hochrechnungen auf Basis einer Regressionsanalyse sowie Unternehmensangaben aus Geschäftsberichten, Pressemitteilungen und Unternehmenswebsites. Schwerpunkt der Untersuchung waren B2C-Onlineshops. Berücksichtigt wurde der Umsatz mit physischen Gütern. Der Umsatz mit digitalen Gütern wie Apps und Streaming-Diensten von Shops, z.B. Apple iTunes und Spotify, wurde nicht berücksichtigt.

Betreibt ein Unternehmen mehrere Onlineshops, so wurde jeder Shop separat betrachtet.

Definition E-Commerce-Umsatz: Nettoumsatz des jeweiligen Onlineshops im Jahr 2016, bereinigt von Retouren, exkl. Umsatzsteuer und nur aus der reinen Geschäftstätigkeit des Onlineshops (ohne sonstige betriebliche Erträge des Unternehmens).

** Umsatzermittlung Amazon

Der Gesamtumsatz Deutschland beträgt laut Geschäftsbericht 12,8 Mrd. Euro. Dieser inkludiert jedoch Service- und Subskriptions-Umsätze (AWS, Prime-Mitgliedschaften, Audible.de etc.) sowie alle Exporte von amazon.de ins Ausland. Die Service-Umsätze, die Exporte sowie die Umsätze weiterer Amazon-Angebote wurden aus dem Deutschlandumsatz für www.amazon.de herausgerechnet.

Über das EHI: Das EHI Retail Institute ist ein Forschungs- und Beratungsinstitut für den Handel und seine Partner mit rund 60 Mitarbeitern. Sein internationales Netzwerk umfasst rund 750 Mitgliedsunternehmen aus Handel, Konsum- und Investitionsgüterindustrie sowie Dienstleister. Das EHI erhebt wichtige Kennzahlen für den stationären und den Onlinehandel, ermittelt Trends und erarbeitet Lösungen.

Über Statista Statista.com ist eines der weltweit führenden Statistik-Portale mit Sitz in Hamburg, Frankfurt, Berlin, New York, London und Madrid. Das Portal hat jeden Monat mehr als 4 Millionen Nutzer und verzeichnet mittlerweile über 1.000.000 registrierte Nutzer. Rund 450 Mitarbeiter arbeiten an der Plattform, darunter Datenbank Experten, Redakteure und Statistiker.

Passend zum Thema lesen Sie in return 03/17 ein spannendes Porträt über Tarek Müller, der für die Otto Group eines der am schnellsten wachsenden E-Commerce-Unternehmen Europas führt.

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IAA 2017: Auto­bau­er benö­ti­gen neu­es Image

Kurswechsel in der Automobilbranche. Bild: © AdobeStock

Noch immer haben die Autobauer stark mit dem Diesel-Skandal zu kämpfen. Kein Wunder also, dass sie jetzt, mehr als je zuvor, neue Lösungen bieten müssen, um nicht nur neue Kunden zu gewinnen, sondern Bestandskunden ebenfalls zu halten: von autonomem Fahren über alternative Antriebe bis hin zu einer höheren PS-Zahl. Trends, neue Entwicklungen und die Zukunft der Automobilindustrie wird ab heute bis zum 24. September 2017 auf der 67. Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main vorgestellt.

„Die Automobilbranche befindet sich im stärksten Umbruch seit Jahrzehnten. Neben dem Dieselantrieb stehen vier wichtige Megatrends zur Bewältigung an: Elektromobilität, vernetztes und autonomes Fahren sowie Mobilitätsdienstleistungen“, skizziert Cedric Perlewitz,Sektor-Head Automotive von der Commerzbank. Ein großer Umbruch also, der sich gerade in der Automboilbranche und ganz besonders im Diesel-Sektor breit macht. Im Vergleich zum Vorjahr besitzen 2017 übrigens nur noch knapp 40 Prozent der zugelassenens Autos einen Dieselmotor. Das sind fast 20 Prozent weniger als im Vorjahr.

Dazu kommen weitere Entwicklungen, die die Automobilbranche in diesem Jahr und auch in der Zukunft beachten wird:

1. Mehr Interesse an Elektromobilität

Die Elektromobilität stellt eine große Herausforderung dar. Die Nachfrage nach und das Interesse an Elektroautos ist enorm gestiegen – und wird noch weiter steigen, denn Kaufprämien und Steuervorteile bietet den nötigen Anreiz dafür. „Noch ist Deutschland bei den Käufen von Elektrofahrzeugen weltweites Schlusslicht“, gibt jedoch Springer-Autorin Carmen Mausbach im Artikel Autobauer suchen nach neuen Wegen der Bankmagazin-Ausgabe 9/2017 zu bedenken.

2. Vernetztes und autonomes Fahren steigert Investitionskosten

Ob nun maschinelles Lernen, neuronale Netze oder Augmented Intelligence: Bis 2020, wenn also die ersten autonom fahrenden Automobile auf den Markt kommen sollen wird er 47 Milliarden US-Dollar umfassen“, prognostiziert Andreas Burkert im Artikel Mit künstlicher Intelligenz zur Reifeprüfung aus dem ATZextra Automatisiertes Fahren.

3. Digitale Technologiekonzerne statt „nur“ Automobilhersteller

Gerade die demografischen und politischen Trends haben großen Einfluss auf die Veränderung der traditionellen Geschäftsmodelle. Viel mehr werden sich Automobilhersteller und –zulieferer zu digitalen Technologiekonzernen heranreifen.

4. Autobanken im Fokus

Die Transformation der Automobilbranche beinhaltet auch jene Finanzinstitute, die zu einem Automobilkonzern gehören oder sich auf die Finanzierung von Kraftfahrzeugen spezialisiert haben. Dafür werden verschiedene Angebote der Finanzierung und Versicherung, sowie des Leasings, angepasst und weiterentwickelt.

PS: Falls Sie die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main besuchen, seien Sie gerne Gast unseres Verlages, der Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, in Halle 4.1 am Stand A08. Wir freuen uns, Sie zwischen dem 12. und 15. September empfangen zu dürfen.

Noch mehr Informationen zur Entwicklung der Automobilbranche gesucht? Der Automobilbranche und damit den notwendigen Transformationsprozessen passend zur künftigen Mobilität widmen wir den Heftschwerpunkt unserer aktuellen Ausgabe: return 03/17.

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Loco­mo­re: Ebbe am Gleis

Zweite Chance für Locomore. Bild: © Locomore

Nach der Rettung aus der Insolvenz hat das Bahn-Start-up Locomore erneut Probleme. Mitten in der Nacht schaltete die Deutsche Bahn ihre Konkurrenz aus, tausende Passagiere mussten kurzfristig nach Alternativen suchen.

Erst kürzlich erreichten Locomore die guten Nachrichten, dass der tschechischer Investor LEO Express zusammen mit dem Fernbusbetreiber Flixbus den Bahn-Konkurrenten aus der Insolvenz rettet, da kriselt es schon wieder am Gleis. Diesmal liegt es an der Staatsbahn.

Vor ein paar Wochen standen Fahrgäste dann an einem leeren Gleis. Denn am Wochenende vom 03.09.2017 standen die Wagen still. Für alle Fahrgäste, die am Samstagnachmittag von Berlin nach Stuttgart oder am Sonntagfrüh von Stuttgart nach Berlin fahren wollten, gab es keine andere Möglichkeit, als kurzfristig auf das Angebot des Konkurrenten Deutsche Bahn oder auf andere Alternativen umzusteigen. Tickets mussten sich die Passagiere dann zunächst selbst kaufen, wobei die Kosten dafür im Nachhinein von Locomore erstattet wurden.

Die Deutsche Bahn hat Schuld

Was genau hinter dem Ausfall der Züge steckte, ist bis heute unklar. Locomore jedoch hat bereits einen Verdacht. Der Bahnreiseanbieter geht davon aus, dass die Deutsche Bahn den günstigen Konkurrenten mit allen Mitteln vom Gleis vertreiben möchte.

Angefangen hat alles in der Nacht zum 2. September 2017, als Locomore vom DB-Fernverkehr die Nachricht erhielt, dass vor jeder Zugfahrt eine Wagentechnische Untersuchung (WU) nötig sei. Zu diesem Zeitpunkt konnte zwar die Fahrt um 6.21 Uhr von Stuttgart nach Berlin stattfinden, allerdings nicht mehr zurück, denn dann reichte die Zeit für die notwendige WU nicht mehr. Nebenbei hat die Deutsche Bahn in diesem Moment schon beschlossen, dass sie den Check sowieso nicht durchführen würden, denn die Verträge dafür wurden bereits am Donnerstag zuvor telefonisch beendet – fristlos und ohne Angabe von Gründen.

Neustart mit Tücken

Zuvor lief bei Locomore jedoch alles nach Plan. Nach der Rettung aus der Insolvenz wurden zahlreiche Tickets verkauft, sodass knapp 1000 Passagiere ihre gebuchten Fahrten an dem besagten Wochenende nicht antreten konnten. Ein Ausfall, der das junge Unternehmen stark trifft.

Abgesehen von den erstatteten Tickets und den Rückzahlungen der Ticket-Alternativen auf die die Passagiere am besagten Wochenende umsteigen mussten, ist es auch die Bereitstellung der Flixbus-Mitarbeiter, die an allen eigentlichen Haltestellen des Zugs standen, um Passagieren Frage und Antwort zu stehen, die einen enormen Kostenaufwand darstellte.

Die Deutsche Bahn erklärte die Weigerung beim Zugcheck derweil als Panne. Gleichzeitig wird untersucht, wieso der zuständige Mitarbeiter die Überprüfung verweigerte. Bisher sind die Gründe jedoch unklar.

Mittlerweile verkehren die Züge von Locomore wieder normal. Das Unternehmen bleibt in der Hoffnung, dass wichtige Wagentechnische Untersuchungen von nun an fristgerecht und ohne Komplikationen durchgeführt würden.

Weiter Informationen zum Bahn-Start-up Locomore finden Sie in der Rubrik News.

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Sie müs­sen im Pro­fi­fuß­ball zu sehen sein“

Joachim Böhmer, einer der beiden Geschäftsleiter aus der Derbystar-Doppelspitze, spricht im Interview über den Wiedereinstieg als Spielball-Lieferant für die Fußball-Bundesliga.

Joachim Böhmer (links). Bild: © Derbystar

Herr Böhmer, mit Blick auf Ihren Firmensitz: Heißt der Verein Ihres Herzens vielleicht Borussia Mönchengladbach?

Joachim Böhmer: Nein, da vermuten Sie falsch. Das hat sich auch in den vergangenen Jahren verändert, nachdem ich Einblick in die Branche bekommen habe. Ich war sehr lange Fan des SV Werder Bremen. Ein bisschen bin ich das eigentlich immer noch.

Und der einzige Verein mit Ihren Sympathien?

Nein, Dortmund und Gladbach stehen auch hoch im Kurs bei mir.

Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen, Borussia Dortmundund in seinen großen Zeitenauch den MSV Duisburg hat Derbystar damals mitBällen ausgestattet. Die Vereine spielten alle mitdem berühmten Derbystar Brillant, der sogenannten „Kultkugel“. Ihr Ball war 1979/80 in allen 30 Bundesligapartien im Einsatz. Wie war das?

Schon zu Beginn waren wir direkt in der Bundesliga vertreten durch den MSV Duisburg. Derbystar wurde ja 1968 gegründet und war bereits in der ersten Bundesliga-Saison vertreten. Mit der guten Qualität, die sich relativ schnell herumgesprochen hatte, aber auch weil es damals noch nicht so viele Anbieter gab, sind dann relativ schnell auch andere Vereine auf den Zug aufgesprungen. Sie haben unsere Bälle ausprobiert und für gut befunden. So sind immer mehr Vereine dazugekommen, und Ende der 70er-Jahre, also in der Saison 79/80, war es dann tatsächlich so, dass alle Clubs mit Bällen aus dem Hause Derbystar gespielt haben. Aber wir haben zu der Zeit auch noch Bälle für eine andere Marke gemacht, mit der dann auch gespielt wurde. Es gab ja nur die zwei Marken.

Dann verschwand Derbystar zwar nicht gänzlich aus der deutschen Sport-Wirtschaftsbranche, aber doch aus dem Bewusstsein der Fernsehzuschauer. Womit hing das zusammen – mit der Konkurrenz?

Ja, die Konkurrenz ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Vereine, die mit unserem Ball gespielt haben, wurden immer weniger, weil rein kommerzielle Entscheidungen eine Rolle gespielt haben. Da ging es dann nicht mehr nur noch um Qualität. Wir hatten bis zuletzt immer drei, vier oder fünf Vereine in der Bundesliga und in der zweiten Bundesliga, die mit unserem Ball gespielt haben, bis der Einheitsball eingeführt wurde. Das war 2010, als sich die Liga-Verantwortlichen dafür entschieden hatten. Die erste Ausschreibung dafür haben nicht wir gewonnen, sondern Adidas. Damit waren wir leider komplett raus aus der Bundesliga.

Sie haben aber wieder mitgeboten. Welche Summen waren im Spiel?

Zur Größenordnung möchte ich nichts sagen. Aber es war ja zu einer Zeit als wir noch relativ klein waren, was den Umsatz angeht. Unseren Umsatz haben wir in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Damals war unser Angebot auch vergleichsweise klein. Es wurde immer über eine Summe gemunkelt, die Adidas dann letzten Endes bezahlt hat. Fünf Millionen Euro standen im Raum, aber davon waren wir weit weg. Genauer: Ganz weit weg, muss ich ehrlich sagen.

Wie haben Sie hier den Turnaround für Derbystar eingeleitet?

Wir waren ja eigentlich nie weg, aber man hat uns nicht mehr so wahrgenommen, obwohl wir im Amateurfußball immer noch sehr stark vertreten sind und noch stärker geworden sind. Aber im Profifußball waren wir in der Tat quasi nicht mehr zu sehen. Wir wussten, dass wir im Marketing etwas tun müssen. Wir haben zwar versucht, dies aufzufangen, indem wir mehr in die Breite gehen. Also mehr in den Amateurfußball und ins Sponsoring investieren. Das hat aber nicht richtig funktioniert. Wir wollten wieder im Marketing einen großen Schritt nach vorne machen. Das geht nur, wenn Sie im Profifußball zu sehen sind. Das wollten wir unbedingt und haben wir auch geschafft.

 Das ausführliche Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins return 03/17.

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Neue Trei­ber der Autobranche

Neben technischen Innovationen sorgen jetzt demografische und politische Trends für Umwälzungen in traditionellen Geschäftsmodellen von Fahrzeugherstellern und Zulieferern.

Prof. Dr. Dieter Schramm, Lehrstuhlinhaber für Mechatronik an der Universität Duisburg-Essen. Bild: © Oliver Heisch

Als in den 90er-Jahren die elektronischen Benzineinspritzsysteme endgültig den Vergaser verdrängt hatten und das Fahrdynamikregelsystem ESP ein neues und wie es schien letztes Kapitel in der Beherrschung der Fahrzeugdynamik aufgeschlagen hatte, da fiel in einer Produktplanungssitzung eines Zulieferers der Automobilbranche der Satz: „Das Auto ist fertig entwickelt, was soll jetzt
noch kommen?“

Schon kurz danach
entzog die Realität mit neuartigen
Systemen zur automatischen Abstandshaltung diesem ursprünglich
von Carl Benz im Jahre 1920 geprägten Satz wieder einmal jede Grundlage. Heute erlebt die Automobilindustrie eine Flut von Innovationen. Bis vor wenigen Jahren waren Spurhalteassistenten, vollautomatische Einparksysteme oder automatisch auf- und abblendende Scheinwerfer-Steuerungen mit geregelter Lichtverteilung noch reine Zukunftsvisionen, die allenfalls in den Köpfen von Vorentwicklungsabteilungen der Automobilindustrie existierten.

Heute sind diese und weitere Innovationen längst in der Ausstattung von Serienfahrzeugen angekommen. Anders als früher ist diese Entwicklung nicht ausschließlich und vielfach noch nicht einmal maßgeblich durch die Automobilbranche selbst getrieben.

Ausschlaggebend für die Neuentwicklungen der Branche sind vielmehr Umweltgesetzgebung, die Vision eines unfallfreien Verkehrssystems sowie die rasante technische Entwicklung der Computer- und Kommunikationsbranchen. So profitieren Fahrerassistenzsysteme nicht nur von den ungebrochen rasanten Entwicklungen in der Elektronik- und Computerbranche, etwa durch immer leistungsfähigere Bildverarbeitungssoftware und -hardware, sondern werden auch maßgeblich von diesen getrieben. Diese Bereiche legen dabei eine Entwicklungsdynamik vor, von denen die Fahrzeughersteller, aber auch deren tradierte Zulieferer, nur träumen können.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für Mechatronik an der Universität Duisburg-Essen, wo er sich unter anderem mit Fahrzeugdynamik, Assistenzsystemen und Simulatoren für Fahrzeuge beschäftigt. Seinen kompletten Beitrag über Entwicklungstendenzen in der Automobilwirtschaft lesen Sie in return 03/17.

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HP und Deloit­te trans­for­mie­ren Fertigungsindustrie

HP und Deloitte kooperieren. Bild: © momius / stock.adobe.com

Die globale Fertigungsindustrie ist 12 Milliarden Dollar schwer und diese wollen die Großkonzerne HP und Deloitte nun digital transformieren.

Die frische Partnerschaft beider Unternehmen soll die 3D-Druckerplattform aus dem Hause HP mit den Kenntnissen der digitalen Transformation von Deloitte vereinen. Ziel des Ganzen ist die Unterstützung der Kunden, die mit dieser Technik nicht nur ihr Produktdesign vorantreiben, sondern auch ihre eigene Produktion beschleunigen, Fertigungsschritte optimieren und flexiblere Lieferketten schaffen könnten.

In Zukunft sollen also HP 3D-Drucksysteme in große Produktionsumgebungen eingeführt werden. Damit werden Kunden dabei unterstützt nicht nur flexibler, sondern vor allem auch effizienter innerhalb der gesamten Fertigung zu arbeiten, wodurch wiederum Raum für Innovationen geschaffen wird. Auch Kosten und Abfall werden im Laufe dieses Prozesses nachhaltig reduziert.

Zwei Unternehmen, eine große Chance

Beide Unternehmen profitieren bei dieser Partnerschaft von den Qualifikationen des anderen. Während HP mit seinen Jet Fusion 3D-Drucklösungen, seinem Partnernetzwerk und vor allem dessen Wissen im Bereich der digitalen Transformationen enorm ausgebildet ist, schafft Deloitte den perfekten Kooperationspartner. Das weltweit führende Unternehmen für Abläufe von Lieferketten und Produktionsverfahren, das Dienstleistungen aus den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Consulting und Financial Advisory für Unternehmen verschiedenster Klassen durchführt, hat gerade im Digitalbetrieb und in Supply-Chain-Transformationen enorme Erfahrungen. Auch das Partnernetzwerk, das sich Deloitte mit digitalen Kooperationspartnern aufgebaut hat, wird innerhalb dieser Partnerschaft von Vorteil sein.

Digitalisierung der globalen Fertigungsvorgänge

„Die vierte industrielle Revolution ist unsere Aufgabe. Kein Bereich der globalen Wirtschaft durchlebt eine radikalere Veränderung, als der zwölf Billionen Dollar schwere Fertigungsmarkt“, betont Dion Weisler, President und CEO von HP Inc. „Unternehmen, die in die digitale Neuerfindung investieren, sind bereit, ihre Wettbewerber hinter sich zu lassen. Auf Grundlage unserer 3D-Drucktechnologie konzentrieren wir uns gemeinsam mit Deloitte darauf, Kunden bei der Transformation zu unterstützen und sie zu Vorreitern dieser neuen Ära zu machen.“

„Die Digitalisierung der globalen Fertigungsvorgänge und -verfahren wird sich weltweit auf Unternehmen und Verbraucher auswirken – und der 3D-Druck wird eine wichtige Rolle dabei einnehmen, die uns bekannte Fertigung grundlegend zu verändern“, so Punit Renjen, CEO von Deloitte.

Gerade die Geschwindigkeit, Wirtschaftlichkeit, Qualität und Verlässlichkeit der HP 3D-Drucklösungen verbessern den Geschäftsbetrieb. Aussagekräftig dafür ist ebenfalls auch die Kundenliste von HP, die führende globale Unternehmen, wie die BMW Group, Nike und weitere Unternehmen aus Nordamerika, Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum.

Es bleibt also abzuwarten, wie sehr sich diese neue, starke Partnerschaft auf die globale Fertigungsindustrie auswirken wird und wie sehr dadurch die gesamten Prozesse innerhalb dieser Branche optimiert, personalisiert und effizienter gestalten werden.

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Wir haben es mit einem tief­grei­fen­den Struk­tur­wan­del durch die Digi­ta­li­sie­rung zu tun“

Dietmar Haffa. Bild: © Schultze & Braun
Dietmar Haffa. Bild: © Schultze & Braun

Das Textilunternehmen Basler muss schließen. Nur eines von vielen Unternehmen, die in der Textilbranche momentan zu kämpfen haben. Das liegt zum Einen am Wettbewerbsdruck, zum Anderen an der Fast-Fashion-Strategie von preisaggressiven Textilcountern, weiß Dr. Dietmar Haffa. Was genau die Textilbranche in der nächsten Zeit erwarten kann und welche Strategien umgesetzt werden sollten, erklärt der Fachanwalt für Insolvenzrecht im Interview mit return.

Herr Dr. Haffa, zuvor hatten bereits Marken wie Laurèl, Strenesse, Roeckl oder René Lezard, aber auch alteingesessene Modehändler wie Sinn Leffers und Wöhrl Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden müssen. Überrascht sie die Häufung solcher Meldungen aus der Textilbranche?

DR. DIETMAR HAFFA: Wenn man sich die Textilbranche genau betrachtet, überrascht die Entwicklung nicht. Ich rechne sogar damit, dass sich hier noch einiges tun wird. Der Strukturwandel ist in der Branche in vollem Gange. Es trifft einzelne Marken wie auch Händler gleichermaßen.

Was sind die häufigsten Gründe für solche Insolvenzen?

DR. DIETMAR HAFFA: Der Wettbewerbsdruck ist sehr hoch. Das trifft besonders das mittlere Preissegment mit Marken wie Esprit, S. Oliver oder Zero. Da ist der Kampf sehr, sehr hart und viele sind dabei, sich neu auszurichten. Die Kasse klingelt vor allem bei preisaggressiven Textildiscountern und -ketten wie Primark, Zara oder H&M. Einen wichtigen Teil trägt dazu sicherlich die Fast-Fashion-Strategie dieser Häuser bei. Ständig gibt es neue Kollektionen, die Kunden immer wieder in die Stores ziehen. H&M präsentiert 24 Kollektionen im Jahr, Zara sogar 48. Kleinere Marken können da nicht mithalten. Hinzu kommt die steigende Bedeutung des Onlinehandels, auch reiner Onlinehändler wie Zalando. Neben den genannten Marken sind hiervon besonders stationäre Textilhändler betroffen. Die Kundenfrequenz in den hochpreisigen A-Lagen der Innenstädte sinkt, gleichzeitig haben immer mehr Marken eigene Stores aufgemacht und ziehen damit Kunden von Mehr-Marken-Häusern ab. Darauf müssen die Händler und die Marken reagieren. Aber ein Patentrezept hat noch niemand gefunden.

Bei Basler hat es trotz enormer Umstrukturierung am Ende doch nicht gereicht. Hätte man das Unternehmen retten können?

DR. DIETMAR HAFFA: Diese Frage kann man aus der Ferne nicht beantworten. Dafür braucht man genauen Einblick in die Schwierigkeiten des Unternehmens. Jeder Einzelfall ist ein Stück weit anders. Grundsätzlich ist es ja immer das Ziel von Insolvenzverfahren, das Unternehmen und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Das nutzt auch den Gläubigern am meisten.

Was läuft ihrer Meinung nach schief in der Textilbranche?

DR. DIETMAR HAFFA: Wir haben es mit einem tiefgreifenden Strukturwandel durch die Digitalisierung zu tun. Es mag sein, dass Einige diesen Wandel zunächst nicht ernst genug genommen haben oder nicht schnell genug reagiert haben. Das betrifft im Übrigen nicht nur die Textilbranche, sondern eigentlich alle Branchen in Deutschland.

Was braucht ein Textilunternehmen, um in Zeiten des Wandels bestehen zu können?

DR. DIETMAR HAFFA: Aus meiner Sicht braucht ein Unternehmen ein klares Profil, das es dem Kunden vermittelt. Und es muss den Kunden möglichst auf allen Kanälen entgegentreten und sie dort abholen. Dazu gehört ein Einkaufserlebnis in den Ladengeschäften, eine klare Preis- und Qualitätsstrategie, aber eben auch die Präsenz im Onlinebereich. Ich denke, man muss für sein Unternehmen eine gesunde Mischung finden und das Einkaufsverhalten und die Wünsche der Kunden genau analysieren.

Wie sieht ihrer Meinung nach die Zukunft der Traditionsunternehmen und Mittelstandsunternehmen innerhalb der Textilbranche aus?

DR. DIETMAR HAFFA: Die kommenden Jahre werden für die Branche sicher keine leichten werden – vielleicht mit den oben genannten Ausnahmen. Die Branche muss den Spagat schaffen zwischen der Digitalisierung einerseits und dem stationären Handel andererseits.

Dr. Dietmar Haffa arbeitet seit Juli 2013 bei der Steuerberatungskanzle Schultze & Braun und leitet die Schultze & Braun Niederlassung Heilbronn. Außerdem war er als Insolvenzverwalter bei Passport Fashion tätig.

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