Wir haben es mit einem tief­grei­fen­den Struk­tur­wan­del durch die Digi­ta­li­sie­rung zu tun“

Dietmar Haffa. Bild: © Schultze & Braun
Dietmar Haffa. Bild: © Schultze & Braun

Das Textilunternehmen Basler muss schließen. Nur eines von vielen Unternehmen, die in der Textilbranche momentan zu kämpfen haben. Das liegt zum Einen am Wettbewerbsdruck, zum Anderen an der Fast-Fashion-Strategie von preisaggressiven Textilcountern, weiß Dr. Dietmar Haffa. Was genau die Textilbranche in der nächsten Zeit erwarten kann und welche Strategien umgesetzt werden sollten, erklärt der Fachanwalt für Insolvenzrecht im Interview mit return.

Herr Dr. Haffa, zuvor hatten bereits Marken wie Laurèl, Strenesse, Roeckl oder René Lezard, aber auch alteingesessene Modehändler wie Sinn Leffers und Wöhrl Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden müssen. Überrascht sie die Häufung solcher Meldungen aus der Textilbranche?

DR. DIETMAR HAFFA: Wenn man sich die Textilbranche genau betrachtet, überrascht die Entwicklung nicht. Ich rechne sogar damit, dass sich hier noch einiges tun wird. Der Strukturwandel ist in der Branche in vollem Gange. Es trifft einzelne Marken wie auch Händler gleichermaßen.

Was sind die häufigsten Gründe für solche Insolvenzen?

DR. DIETMAR HAFFA: Der Wettbewerbsdruck ist sehr hoch. Das trifft besonders das mittlere Preissegment mit Marken wie Esprit, S. Oliver oder Zero. Da ist der Kampf sehr, sehr hart und viele sind dabei, sich neu auszurichten. Die Kasse klingelt vor allem bei preisaggressiven Textildiscountern und -ketten wie Primark, Zara oder H&M. Einen wichtigen Teil trägt dazu sicherlich die Fast-Fashion-Strategie dieser Häuser bei. Ständig gibt es neue Kollektionen, die Kunden immer wieder in die Stores ziehen. H&M präsentiert 24 Kollektionen im Jahr, Zara sogar 48. Kleinere Marken können da nicht mithalten. Hinzu kommt die steigende Bedeutung des Onlinehandels, auch reiner Onlinehändler wie Zalando. Neben den genannten Marken sind hiervon besonders stationäre Textilhändler betroffen. Die Kundenfrequenz in den hochpreisigen A-Lagen der Innenstädte sinkt, gleichzeitig haben immer mehr Marken eigene Stores aufgemacht und ziehen damit Kunden von Mehr-Marken-Häusern ab. Darauf müssen die Händler und die Marken reagieren. Aber ein Patentrezept hat noch niemand gefunden.

Bei Basler hat es trotz enormer Umstrukturierung am Ende doch nicht gereicht. Hätte man das Unternehmen retten können?

DR. DIETMAR HAFFA: Diese Frage kann man aus der Ferne nicht beantworten. Dafür braucht man genauen Einblick in die Schwierigkeiten des Unternehmens. Jeder Einzelfall ist ein Stück weit anders. Grundsätzlich ist es ja immer das Ziel von Insolvenzverfahren, das Unternehmen und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Das nutzt auch den Gläubigern am meisten.

Was läuft ihrer Meinung nach schief in der Textilbranche?

DR. DIETMAR HAFFA: Wir haben es mit einem tiefgreifenden Strukturwandel durch die Digitalisierung zu tun. Es mag sein, dass Einige diesen Wandel zunächst nicht ernst genug genommen haben oder nicht schnell genug reagiert haben. Das betrifft im Übrigen nicht nur die Textilbranche, sondern eigentlich alle Branchen in Deutschland.

Was braucht ein Textilunternehmen, um in Zeiten des Wandels bestehen zu können?

DR. DIETMAR HAFFA: Aus meiner Sicht braucht ein Unternehmen ein klares Profil, das es dem Kunden vermittelt. Und es muss den Kunden möglichst auf allen Kanälen entgegentreten und sie dort abholen. Dazu gehört ein Einkaufserlebnis in den Ladengeschäften, eine klare Preis- und Qualitätsstrategie, aber eben auch die Präsenz im Onlinebereich. Ich denke, man muss für sein Unternehmen eine gesunde Mischung finden und das Einkaufsverhalten und die Wünsche der Kunden genau analysieren.

Wie sieht ihrer Meinung nach die Zukunft der Traditionsunternehmen und Mittelstandsunternehmen innerhalb der Textilbranche aus?

DR. DIETMAR HAFFA: Die kommenden Jahre werden für die Branche sicher keine leichten werden – vielleicht mit den oben genannten Ausnahmen. Die Branche muss den Spagat schaffen zwischen der Digitalisierung einerseits und dem stationären Handel andererseits.

Dr. Dietmar Haffa arbeitet seit Juli 2013 bei der Steuerberatungskanzle Schultze & Braun und leitet die Schultze & Braun Niederlassung Heilbronn. Außerdem war er als Insolvenzverwalter bei Passport Fashion tätig.

Der Beitrag „Wir haben es mit einem tiefgreifenden Strukturwandel durch die Digitalisierung zu tun“ erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.