Wir­kungs­vol­le Planung

Die Welt aus Sanierern sei zwar gewaltig gewachsen, aber ob dadurch auch genug Auslastung für diese Dienstleister gegeben ist, bezweifelt unser Kolumnist Dr. Anselm Görres, der zur Krisenbewältigung eher den Einsatz von Interim-Managern empfiehlt.

Dr. Anselm Görres

Bei 90 Prozent aller Interim-Anfragen, etwa für Vakanzen oder Veränderungsprojekte, rufen uns Geschäftsführer oder HR-Chefs an. Doch wehe, wenn der Anruf von außen kommt: Dann ist oft Krise angesagt. Typische Anrufer sind Eigentümer oder deren Vertreter, also Gesellschafter, Aufsichtsräte, Firmenanwälte, Steuerberater, oder weitere „Stakeholder“ wie Banker, Betriebsräte. Unvergessen, wie uns einmal die IG Metall bat, einen Sanierer zu entsenden.

Wo Stakeholder anrufen, haben sie meist das Vertrauen ins Management verloren und halten bereits nach neuer Führung Ausschau. Oder sie wollen der angeschlagenen Geschäftsführung einen „CRO“ zur Seite stellen. Leider ist es dann meist schon „kurz vor zwölf“, mitunter auch schon nach zwölf. Das Unternehmen steckt in der Krise, Banken, Mitarbeiter und Lieferanten sind beunruhigt. Der Anruf hätte auch an den Insolvenzverwalter gehen können. Wenn es soweit ist, hat das Unternehmen schon über längere Zeit mehr Geld ausgegeben als eingenommen. Es droht die Pleite.

Fast immer gingen über Jahre schon ähnliche Anrufe voraus. Allerdings galten sie bevorzugt Unternehmensberatern. Man glaubt gar nicht, wie viel Geld angeschlagene Firmen in kritischen Jahren für Consulter ausgeben. Oft nur, weil die Stakeholder auf externen Rat drängen, denn ihr Vertrauen schwindet. Nach unserem Eindruck aus vielen Projekten ist der Ruf nach Beratereinschaltung eher pädagogisch als therapeutisch gemeint. Wie sollen noch so kluge Berater Probleme lösen, die gerade im Mittelstand selten im Mangel an Lösungswissen bestehen, sondern schlicht an fehlender Führung liegen? Viele teurere Projekte dienen Eigentürmern oder Kreditgebern als Alibi für das Vermeiden wirklich konsequenter Kursänderungen. Damit werden kostbare Monate, wenn nicht Jahre vertan. Wer einem Geschäftsführer einen Sanierungsmanager empfiehlt, formuliert ein Misstrauensvotum. Wer ihm Berater vorschlägt, behandelt ihn schonender.

Gerade in der guten Konjunktur, der sich unser Land seit 2011 erfreut, sind die meisten Krisen hausgemacht. Viele Branchen laufen bestens, doch das schützt einzelne Branchenteilnehmer nicht davor, in kritische Lagen zu geraten. Bei Konzernen liegt dies meist an strategischen Fehlern. Bei Mittelständlern hängt es eher mit ungelösten Nachfolgesituationen zusammen. In beiden Fällen neigen externe Stakeholder dazu, ihre eigentlich geforderten Interventionen zu spät und zu milde anzusetzen.

Dabei kann gerade der frühzeitige Einsatz erfahrener Interim-Sanierer einen guten Mittelweg darstellen. Angeschlagenen Firmen fehlt es nicht an Gutachtern, sondern an Gutmachern. Beratung heißt oft nur Handlungsaufschub durch Analyse. Interim-Einsatz dagegen, jetzt wird gehandelt. Wer zulange analysiert und beratschlagt, dem bleiben am Ende nur drastischere Eingriffe, bis hin zum Insolvenzverwalter.

Als Interim Provider erhalten wir viele Einladungen zu Sanierungskonferenzen mit blumigen Namen. Aus der Vielzahl solcher Angebote könnte man schließen, dass die ganze deutsche Wirtschaft Sanierungsbedarf hätte. Vielleicht ist die Erklärung ein verschobener Zyklus. Im Gefolge der ja extrem beunruhigenden Finanzkrise hat sich die Welt der Sanierungsdienstleister gewaltig ausgedehnt und ist immer professioneller geworden. Aber im Grunde leiden die meisten der hier aktiven Dienstleister unter schlechter Auslastung. So bieten sie halt Konferenzen und Weiterbildungen an.

Im Vergleich bleibt die eher präventive Tätigkeit von Interim Professionals oft unspektakulär und wenig beachtet. Unsere Einsätze stehen nicht in der Zeitung, in den Unternehmen werden solche Menschen oft als Geschäftsführer auf Zeit eingesetzt, oft auch nur als Berater bezeichnet. Ein gutes Beispiel war ein namhaftes Handelshaus in Süddeutschland. Differenzen zweier Gesellschafterstränge spalteten auch die Geschäftsführung. Ein branchenerfahrener Interim Professional begleitete das Managementteam über mehrere Jahre. Er beanspruchte keinen wohlklingenden Titel, aber redete intensiv mit allen. Nach neun Monaten wuchs die Firma über dem Branchentrend.

Dr. Anselm Görres war McKinsey-Berater und Investor bei einer Ostberliner Industriegruppe, bevor er 1994 Interim Provider wurde. Seit 1996 ist er Gründer und Inhaber der ZMM Zeitmanager München GmbH. Auf Branchenebene engagierte er sich als Mitgründer und Vorsitzender des AIMP. Heute ist er dessen Ehrenvorsitzender.

 

Der Beitrag Wirkungsvolle Planung erschien zuerst auf return – Magazin für Transformation und Turnaround.